Und wozu das Ganze hier eigentlich?

Weil es die Politik soeben verschläft?

Am vorletzten Wochenende haben wir in unserem Garten eine öffentliche Rundführung für alle interessierten Menschen, die sich unser Projekt mal genauer anschauen wollten, angeboten. Da wir uns noch im zeitigen Gartenjahr befinden und unser Garten auch jetzt erst so richtig mit der tatkräftigen Gartengruppe zu wachsen beginnt, hat sich der Rundgang vor allem auf die Vorstellung der Ziele und Zwecke des Projektes konzentriert. Die etwa 30 bis 40 Leute, die allesamt das übliche Studentenalter um ein paar Jahre überschritten hatten, waren recht angetan von unseren Ideen, Ansichten und Vorstellungen. Schön, dass wir auch älteren Generationen, die teilweise vielleicht mehr Gärtnererfahrung als wir alle zusammen besitzen, noch eine neue, andere Sicht auf die Dinge vermitteln konnten.

Unser Garten dient nicht nur dem reinem Gemüseanbau. Es geht bei dem Projekt um das Gärtnern mit der Natur. Dem Finden von Wegen, die noch zu wenig begangen werden. Um eine Animation zur Reorganisation, ja vielleicht um einen Denkanstoß für andere Menschen.

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Vielfalt im Garten – eine Vorraussetzung für Wohlbefinden.

Große Probleme die uns bezüglich des Lebensmittelkonsums besonders beschäftigen ist die ernorme (und oft überhaupt nicht sichtbare) Abhängigkeit unserer Nahrungsmittel vom Erdöl, sind Patentrechte riesiger Chemie- oder Pharmakonzerne auf Saatgut und ist die Behandlung von Anbaukulturen mit synthetischen Mitteln. Mehr oder weniger geben sich die Probleme die Klinke in die Hand.

Eine Möglichkeit diesen Problematiken weitestgehend aus dem Wege zu gehen, ist wohl der eigene Anbau von Obst, Gemüse und Kräutern (eventuell auch von tierischen Produkten, was aber einerseits auf unserer öffentlichen Gartenfläche nicht ohne weiteres machbar ist und andererseits vermutlich zu einer langatmigen Diskussion innerhalb der Gärtergruppe bezüglich dem Thema Nutztierhaltung führen würde). Das Projekt fokussiert nicht die Selbstversorgung, es ist vielmehr ein Schritt in die Richtung, verlorengehendes Wissen über naturnahes Gärtnern wieder zu entdecken, zu überprüfen und dann weiterzugeben. Das ist umso wichtiger, wenn Studenten nicht in der Lage sind einen Kohlrabi als diesen zu bestimmen. Unsere Gesellschaft ist technologisch hochentwickelt und wir können mit dem Streichen des Smartphonedisplays mehr erleidgen und erleben, als noch am Tage davor. Dagegen ist unsere heutige Gesellschaft im Umgang mit den eigenen körperlichen Fähigkeiten, und das ist jetzt unbewiesen, wohl die Untalentierteste, die es je gegeben hat. Unsere Füße sind zum Laufen da, unsere Hände zum Greifen und Fühlen. Etwas Erde zwischen den Händen zu haben, kann sich gut anfühlen – es ist sogar ein leicht ungewohntes Gefühl für viele Menschen. Wir sind entfernt von unseren Lebensmitteln wie noch nie und große Agrartechnikkonzerne wie Monsanto machen sich dies zu nutze.

Monsanto nutzt grüne Gentechnik um Pflanzen wie beispielsweise Soja, Mais oder Baumwolle gentechnisch so zu verändern, dass diese resistent gegen die eigens entwickelten Herbzide sind. So vertreibt der Konzern beispielsweise seit 1974 das Herbizid „RoundUp“ mit dem Wirkstoff Glyphosat. Diese nicht-selektive Substanz wirkt so gut wie gegen jedes grüne Kraut, eben nur nicht gegen jene gentechnisch veränderte Soja- oder Maispflanze. Für viele Bauern im ersten Moment eine super Sache: „Monsanto liefert mir eine ertragreiche Pflanzensorte (meist als Hybridsaatgut) und das passende Sprühmittel gleich dazu.“ Eine gute und vor allem einfache Ernte ist garantiert, da das Hybridsaatgut gleichmäßig wächst (es ist quasi „genormt“) und damit mit großen Maschinen einfach bearbeitet werden kann. Die Folge ist: Wir haben Gentechnik im Essen (oder in Deutschland derzeitig besser formuliert: Im Essen unseres Essens, wie aktuell: McDonalds und das Genfutter für Hähnchen), natürliche Lebensmittel werden standardisiert (stumpfer, öder Einheitsbrei von beispielsweise Tomaten, da das doch so praktisch zu handhaben ist), riesige Felder werden durch Monokulturen über wenige Jahre einseitig belastet bis der Boden quasi „tot“ ist, „Super-Unkräuter“ können entstehen (Kräuter, die gegen das Herbizid Resistenzen entwickelt haben und nun widerum alles überwuchern), Chemie auf unseren Tellern und die Zerstörung der Artenvielfalt, eben der natürlichen Kreisläufe. Und Monsanto hat auf diese Saatgut-Herbizid-Kombination noch Patentrechte.

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Ohne Gentechnik: Unser Spinat „Butterflay“ von der Bingenheimer Saatgut AG. Das natürliche Züchten von neuen Sorten dauert Jahre (manchmal 10, manchmal eher 30). Durch bewusste Selektion des Saatgutes von gut wachsenden Pflanzen, die sich durch Zufall besser an die jeweiligen Standortbedingungen angepasst haben, entsteht eine Vielfalt. Und Spinat der bei uns gut in Chemnitz wächst, kann in beispielsweise Mecklemburg-Vorpommern auf den sandigen Böden eher schlechte Karten haben. Eine „Supersorte“ gibt es nicht – Vielfalt ist die Devise und das ohne Patentrechte.

Durch das in 2009 verhängte Verbot von Bt-Mais MON810, werden in Deutschland, und in vielen anderen EU-Ländern, derzeitig keine gentechnischen veränderten Pflanzen mehr angebaut. Doch durch das derzeitg geplante Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen den USA und Europa, kann sich das schnell ändern. So ist vorstellbar, dass Konzerne, deren Saatgut gesetzlich abgelehnt wird, Staaten verklagen und daraufhin auch Recht bekommen. Wir empfehlen daher unsere nächste Ringvorlesung der NATUC am kommenden Dienstag, den 13.05.2014, zu genau diesem Thema.

Mit unserem Gemeinschaftsgarten bieten wir eine Alternative. Wir sind soeben dabei einen vielfältigen Lebensraum in der Stadt zu schaffen. Einen Raum für seltene Pflanzen, für Bienen, für Regenwürmer, für Kinder, für Sinnsuchenende, für dich. Zwischen Nistkästen, Kräuterspirale und Phacelia warten viele Entdeckungen auf neugierige Blicke. Wir wollen uns abwenden von großer zentraler Monokultur zu Dumpingpreisen auf Kosten der Natur und Mensch. Wir lieben kurze Wege (und wenn, dann am besten mit dem Lastenrad), Gärten mit Gemüse an vielen Ecken, Mischkulturen und liebevolle Fruchtfolgen, Saatgut mit Charakter. Gärtnern nach dem Vorbild der Natur, denn darum liegt hier Stroh.

Die Politik wird sich dieser (komplexen) Problematik zu gewissen Teilen bewusst sein. Aber es hängt enorm viel Industrie, Wirtschaftskraft, Arbeitskapazität an diesem seidenen Faden, dass sie es nicht schafft sich mutig aus dieser sich senkenden Spirale zu erheben. Sie verschläft es wohl. Deshalb muss jeder selber beginnen, ein Zeichen zu setzen. Der Weg muss von unten nach oben beschritten werden – der wissende Verbraucher muss aktiv werden. Deshalb das Ganze.

2 thoughts on “Und wozu das Ganze hier eigentlich?

  1. Stefan Laube

    Finde die Webseite von NATUC echt cool. Sofern das meine sehr begrenzte Zeit erlaubt, will ich gern mal im Garten mithelfen. Ich schau immer mal auf die Seite rein. Stefan

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  2. Imke

    Vielen Dank für diesen Artikel! Ich denke, es ist notwendig, es zu erklären. Kurz und zusammengefasst, um eine erste Idee und einen Einstieg von dem /in das Ganze(n) zu bekommen. Immer wieder, damit es irgendwann beim Empfänger eigene Gedanken auslöst.

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